Der komparative Vorteil – die Logik der Gunstregionen

Befürworter globaler Systeme argumentieren, dass lokale Lieferketten niemals so effektiv und effizient sein könnten wie globale Ketten. Sie stützen sich dabei auf den CASTE-Ansatz (comparative advantage, scale, trade and efficiency[1]). Die ökonomische Theorie des komparativen Vorteils von David Ricardo (1772-1823) ist Grundlage vieler Argumente für globale Lieferketten und auch des CASTE-Ansatzes. Ricardos Theorie besagt, dass Länder das produzieren sollten, was sie relativ effizient können, und Handel betreiben, um den Gesamtertrag im Land zu maximieren. [1] Übersetzung: Komparativer Vorteil, Größenvorteile, Handel und Effizienz

Übertragen auf Lebensmittel bedeutet das: Tomaten aus Spanien im Winter (oder generell) sind ressourcenschonender als solche aus beheizten Gewächshäusern in Norddeutschland. Diese Argumentation stützt sich auf den Preis als zentrales Signal: Er bündelt – so die Befürworter – alle Opportunitätskosten wie Land, Arbeit und Energie. Ricardos Prinzip wurde 2012 mithilfe von FAO-Daten bestätigt. Allerdings spielen neben dem komparativen Vorteil auch weitere Faktoren wie technisches Know-how oder die Verfügbarkeit von Geräten eine Rolle.

Befürworter des CASTE-Ansatzes warnen: Würden wir auf „Regional um jeden Preis“ setzen, müssten viele Menschen teurere Lebensmittel kaufen oder hätten dadurch schlechteren Zugang zu gesunder Ernährung – besonders unter dem Druck des Klimawandels.

Die Kritik – mehr als der Preis zählt

Die Gegenseite hingegen betont, dass wirtschaftliche Argumente nicht die alleinige Entscheidungsgrundlage sein dürfen. Vielmehr muss hinterfragt werden, welche Machtstrukturen bestehen, wer profitiert von diesen Systemen und wer verliert. Kritiker des CASTE-Ansatzes sind der Meinung, dass Preise ökologische und soziale Kosten verschweigen würden.

Geringe Preise sind oft nur deshalb möglich, weil sie auf Kosten der Umwelt, der Wasserressourcen und der vor Ort arbeitenden Menschen gehen oder durch Subventionen und andere finanzielle Unterstützung gestützt werden. Beispiele dafür sind die Gewächshausproduktion in den Niederlanden, die industrielle Landwirtschaft in Deutschland, die Bananenproduktion in Lateinamerika und die Tomatenproduktion in Südspanien.

Befürworter einer globalen Ernährung haben sicher recht, wenn es darum geht, ineffiziente landwirtschaftliche Methoden in ungeeigneten Regionen zu vermeiden. Dennoch können Vertreter des CASTE-Ansatzes nicht erklären, warum trotz der weitgehenden Anwendung dieses Systems weiterhin Hunger, Ernährungsunsicherheiten, massive Umweltschäden und Arbeitslosigkeit existieren.

Lokale Systeme – kein Allheilmittel, aber wertvoll

Lokale Ernährungssysteme (Local Food Systems, LFS) sind nicht automatisch nachhaltiger. Auch hier gibt es:

  • ineffiziente Strukturen, bspw. aufgrund kleinerer Infrastruktur, die weniger hohe Skaleneffekte erzielen kann
  • fehlende Infrastruktur (Mühlen, Kühlketten, Verarbeitungsbetriebe),
  • höhere Preise, bspw. aufgrund höherer Lohnkosten im Land, die sich nicht jede und jeder leisten kann oder will.

LFS bieten jedoch Chancen auf Transparenz, regionale Wertschöpfung, Biodiversität und direkte Beziehungen zwischen Produzentinnen und Konsumenten. Das fördert Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln und kann Verschwendung reduzieren.

Ausblick – ein „Sowohl-als-auch“

Die Forschung zeigt, dass weder globale noch lokale Systeme per se den jeweils anderen überlegen sind. Entscheidend ist der Kontext.

Die Weiterentwicklung der Ernährungssysteme sollte darauf abzielen, Lebensmittel umweltfreundlicher anzubauen und dabei planetare Grenzen nicht zu überschreiten. Konsumentinnen und Konsumenten sollten sicher sein können, dass bei der Produktion sowohl Menschen als auch Tiere und die Umwelt fair behandelt werden. Solange große Konzerne oder einzelne Akteure als alleinige Gewinner aus dem System hervorgehen und Hunger, Gesundheitsprobleme sowie Ernährungsunsicherheiten bestehen, bleibt die Argumentation des Preises fragwürdig.

Je näher die Erzeuger, bzw., je kürzer die Lebensmittelketten sind, desto einfacher können Endkonsumenten und Großküchen Einblick in die Produktionsbedingungen erhalten. Wo dies nicht möglich ist, können Zertifizierungen Vertrauen schaffen – insbesondere solche des ökologischen Landbaus mit unabhängigen Kontrollmechanismen.

Fazit – Resilienz braucht Vielfalt

Resiliente Ernährungssysteme sind relevant. Die Konzentration auf eine einzige Region für die gesamte Bevölkerung dieser Region, vor allem in Zeiten des Klimawandels, führt schnell zu Engpässen und sehr teuren, da knappen, Lebensmitteln. Ein Müller aus Nordrhein-Westfalen berichtete in einem Gespräch, dass 2024 nur ein Drittel seines Biogetreides aufgrund sehr schlechter Ernten aus der Region kam. Den Rest musste er zukaufen. Dass diese Möglichkeiten bestehen, ist mehr ein Segen als ein Fluch. Massenware aus Gunstregionen ist wichtig, um stabile Lieferketten zu ermöglichen. Große Produzenten müssen sich darauf verlassen können, dass sie mit Rohware beliefert werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die Krisen unserer Zeit zeigen allerdings auch, dass der Weltmarkt unberechenbar (geworden) ist und dass Know-how und Innovationskraft in einem Land verankert sein müssen. Damit Menschen sich gesund ernähren und ein Bewusstsein für die Produktion von Nahrungsmitteln entwickeln können, müssen sie in Kontakt zu Landwirtinnen und Weiterverarbeitern stehen. Dadurch können sie nachvollziehen, welche Ressourcen – Zeit, Arbeit, Kapital, Produktionsmittel etc. – für die Erzeugung von Lebensmitteln notwendig sind. Die dadurch entstehende Wertschätzung trägt dann dazu bei, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Kleinere Erzeugerinnen und Erzeuger können gut mit kleineren und mittelgroßen Handwerksbetrieben zusammengebracht werden, denn für die Kunden solcher Betriebe zählen Werte, wie der regionale Bezug zu allen Wertschöpfungskettenteilnehmenden und die Unterstützung der eigenen Region. Die dadurch höheren Preise werden i.d.R. von einer bestimmten Kundengruppe getragen.

Ziel muss sein, Resilienz aufzubauen – also stabile Lieferketten, die gleichzeitig nachhaltig und fair sind. Das gelingt nur durch eine Kombination:

Gunstregionen sichern Grundversorgung.

Lokale Systeme schaffen Nähe, Vielfalt und Innovationskraft.

KIRA-Empfehlungen

Produkte, die weder ökologisch noch sozial nachhaltig produziert werden können, sollten möglichst gemieden werden, um Anreize für nachhaltigere Produktionsmethoden in den Anbaugebieten zu setzen. Das Wissen darüber muss sowohl bei Konsumentinnen und Konsumenten als auch bei Küchenpersonal gestärkt werden. Ein Dialog zwischen Erzeugerinnen und Abnehmern sowie der Test in Form von Pilotprojekten und die Evaluierung bio-regionaler Produkte können dazu beitragen. Ebenso ist es wichtig, bereits Kinder früh für das Thema Lebensmittelproduktion und ihre Herausforderungen zu sensibilisieren.

Zudem sollte das lokale Logistiknetzwerk so gestaltet sein, dass unnötige Kosten vermieden werden. Hier können Weiterverarbeitungsbetriebe, Logistiker und Händlerinnen zur Effizienzsteigerung beitragen, indem sie sich zu sinnvollen Netzwerken zusammenschließen.

Um einen Effekt für die Ökologie und die Ökonomie der Region zu erhalten, sollten folgende Fragen gestellt werden, wenn es um den Anbau bzw. die Vermarktung bestimmter Produkte in der Region geht:

  • Unterstützt das Produkt die Bodengesundheit oder den Humusaufbau?
  • Fördert es Wissen über nachhaltigen Anbau?
  • Wächst es in der Region besser oder gleich gut wie in Importgebieten?
  • Führt es zu einer gesünderen Ernährung der Konsumentinnen und Konsumenten?
  • Reduziert es die Umweltbelastung der Ernährung?
  • Trägt es zur Erhaltung der regionalen Kulturlandschaft bei?
  • Kann es effizient transportiert werden?
  • Schafft es Arbeitsplätze und ökonomische Vorteile für die Region?
  • Trägt es zur Auflösung problematischer Machtstrukturen bei?
  • Verbessert es die wirtschaftliche Situation der Erzeugerinnen und Erzeugern?

 

Mit diesem Wissen und diesen Fragen im Gepäck hat sich KIRA folgende Ziele gesetzt und niedergeschrieben (verlinken: KIRA_Unsere Ziele): https://tasteofheimat.sharepoint.com/:w:/r/sites/KIRA-01_GremiumJFKernteam_/_layouts/15/Doc2.aspx?action=edit&sourcedoc=%7B2f9fa56f-ddd9-442d-8488-9ec86f9fdfcd%7D&wdOrigin=TEAMS-MAGLEV.teamsSdk_ns.rwc&wdExp=TEAMS-TREATMENT&wdhostclicktime=1758283513762&web=1

sowie Mindest- und Zielkriterien für die Projektdauer, um einen Rahmen zu setzen, in dem wir uns bewegen möchten (verlinken: 2025_02_25_Mindestkriterien RVN): https://tasteofheimat.sharepoint.com/:w:/r/sites/KIRA-01_GremiumJFKernteam_/_layouts/15/Doc2.aspx?action=edit&sourcedoc=%7Bb8730a5a-f560-4b37-a4f4-2d6ae8ff7a8e%7D&wdOrigin=TEAMS-MAGLEV.teamsSdk_ns.rwc&wdExp=TEAMS-TREATMENT&wdhostclicktime=1758283573635&web=1

Außerdem haben wir eine Gruppe von so genannten KIRA-Produkten bestimmt:

Möhren, Zwiebeln, Kartoffeln, Porree, Zucchini, Hokkaido, Salat, Sauerkraut, Blumenkohl, Kohlrabi, Mehl, Äpfel und Eier (Stand 2025).

Quellen:

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Ernährungsrat Köln