Sicher hat schon jeder davon gehört, dass viele unserer Nahrungsmittel auch eine heilende Wirkung haben, sofern man weiß, wie diese einzusetzen sind. Die Naturheilkunde-Expertin Dr. Annette Kerckhoff hat sich auf die verständliche Vermittlung von Gesundheitswissen und Selbsthilfemaßnahmen spezialisiert und stellt in ihrem Buch „Die Küchen-Apotheke“ zwölf Lebensmittel vor, mit denen man sich bei häufigen Beschwerden selbst helfen kann. – Kartoffeln, Salz, Öl und Zwiebeln hat wohl jeder im Haus, aber dass man mit Kartoffeln festsitzenden Husten behandeln kann, ein Fußbad mit Salz Blasenentzündungen lindert, Haut und Schleimhäute mit Öl verwöhnt und Zwiebeln vielfach eingesetzt werden können, ist vielen möglicherweise nicht mehr bekannt. Zwiebeln haben viele Wirkstoffe und sind z. B. entzündungshemmend, können im rohen Zustand aber auch zu vermehrter Luft im Bauch führen.

Natürlich ersetzen diese Maßnahmen bei schweren Erkrankungen keinen Arzt oder Apotheker und auch hier gilt es, mit Augenmaß vorzugehen und auf Risikofaktoren, wie Diabetes, Allergien, Wechselwirkungen etc. zu achten. Der beste Kartoffelwickel kann schädlich sein, wenn er so heiß ist, dass er die Haut schädigt. Und doch hat es viele positive Aspekte, wenn man zur Selbsthilfe schreitet, denn Fürsorge, Achtsamkeit, sowie Zeit und Energie in die Linderung von Beschwerden zu investieren, trägt durchaus zum Erfolg bei: „vor allem aber das Gefühl, selber etwas tun zu können: für sich und für Menschen, die man liebt. Man nennt das ‚Selbstwirksamkeit‘ – ein wichtiges Schlagwort in der gesamten Gesundheitsdiskussion. Und ein Heilungsfaktor, der bislang massiv unterschätzt wurde“, (S. 13) erklärt Kerckhoff. Die wissenschaftlich orientierte Schulmedizin besteht erst seit ungefähr 200 Jahren und vorher verließen sich seit Jahrtausenden Menschen auf das, was die Natur zu bieten hatte, ein Wissen, das zunehmend verloren ging und das sich heute vielfach wieder zurückerobert wird. Denn es ist ganzheitlicher und eigenverantwortlicher, als einfach nur eine Tablette einzunehmen, die Nebenwirkungen haben kann. „Erst das Wissen verwandelt die so vertrauten Lebensmittel in wirklich potente Heiler“, (S. 15), meint Kerckhoff.

 In der Einführung gibt es gleich eine Tabelle, in welchen Fällen man eine Selbstbehandlung durchführen kann und wann man sich in ärztliche Behandlung begeben muss. Die Rezepte stammen aus verschiedenen Ländern und Kulturen und sind mit wunderbaren Zeichnungen und Fotos illustriert. So manch einer weiß vielleicht doch noch, dass geriebener Apfel, den man braun werden lässt, bei Durchfall hilft. Er lindert auch Sodbrennen und mit Quark vermischt sogar Reizdarmbeschwerden. Essig, hier gerne naturtrüber Apfelessig in Bio-Qualität, kann in verdünnter Form bei Schuppen und stumpfem Haar als Spülung eingesetzt, oder mit Zucker vermischt bei Schluckauf getrunken werden. Honig mit Butterbällchen hilft bei Reizhusten, Honig mit Joghurt am Abend bei Schlafstörungen und ein Apfelessig-Honigtrunk bei Wechseljahresbeschwerden. Bei Blutarmut isst man Joghurt mit Rosinen sowie Aprikosen oder Feigen – alle ungeschwefelt. Joghurt aus Pflanzenmilch ist genau so wirksam.

 Kerckhoff nennt die vorgestellten Lebensmittel die „12 Heiler“. Sie haben den Vorteil, fast immer und überall erhältlich zu sein, sie sind natürlichen Ursprungs und preisgünstiger als manche Medizin aus der Apotheke.

 Mit Ingwer können bestimmte Menstruationsbeschwerden behandelt werden, und Ingwer-Nuss-Häufchen gibt es bei Stress. Reis ist in gekeimter Form ein Anti-Aging-Mittel und Reis-Congee wirkt bei Darmträgheit. Zitrone trägt entweder mit Reis oder als Zitronensaft zur Entgiftung bei. Knoblauch wehrt als Zopf im Raum Infekte ab, ebenso klein geschnitten in einer Brühe.

 Kerckhoffs Rezepte, zumindest die zum Essen, klingen sehr schmackhaft, andere sind wohltuend für die Haut. Es ist traditionell Frauen-Heil-Wissen, das an Töchter weitergegeben wurde, aber die meisten Beschwerden haben auch Männer, die Selbstbehandlungsstrategien genau so offen gegenüber stehen dürften. Kerckhoff erklärt:

„Wir geben die Verantwortung und die Entscheidung über unsere Heilung nicht komplett ab, sind nicht mehr alleine auf die Pharmaindustrie angewiesen… Das macht uns unabhängiger und freier – im Fachjargon: Wir gewinnen mehr ‚Gesundheitskompetenz‘ und ‚Gesundheitssouveränität‘“.

 Annette Kerckhoff ist Heilpraktikerin, studierte Komplementärmedizin (B.Sc.) an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport (DHGS) und Gesundheitswissenschaften (M. Sc.) am Interuniversitären Kolleg in Graz. Ihren Doktortitel erwarb sie in Kulturwissenschaften mit einer medizinhistorischen Arbeit über Laienheilerinnen und deren Schriften. Sie arbeitet in der Patientenaufklärung für die Carstens-Stiftung und den angegliederten Förderverein Natur und Medizin e.V. An der DHGS unterrichtet sie Ernährung im Studiengang Life-Coaching. Gemeinsam mit integrativ arbeitenden Ärzten schreibt sie Patientenratgeber über begleitende Selbsthilfemöglichkeiten z.B. bei Infekten, Schmerzen, Wechseljahresbeschwerden, Osteoporose etc. Annette Kerckhoff lebt in Tutzing und Berlin.

 Ihr ist es wichtig, das Wissen für Laien verständlich zu vermitteln, was ihr mit „Die Küchen-Apotheke“ sehr gut gelungen ist. Das Buch geht aber weit darüber hinaus, denn es geht von einer großen Wertschätzung alltäglicher Nahrungsmittel aus und von unserer unmittelbaren Beziehung zur Natur. Kerckhoff schärft dadurch das Bewusstsein, dass wir ein Teil der Natur und nicht abgetrennt von ihr sind. Das ist eine Rückbesinnung auf alte traditionelle Anschauungen, in denen die Erde als diejenige verstanden wird, die uns trägt und nährt, und die Menschen ihre Hüter und Hüterinnen sind. Und derzeit ist unser Planet mehr denn je auf Menschen mit dieser Einstellung angewiesen und letztendlich die Menschheit auch.

 https://www.droemer-knaur.de/buch/9646833/die-kuechen-apotheke

Helga Fitzner,

Freie Journalistin